Wald (Polyptychon), 2013
Graphit, Gouache, Pigmentstift auf Bütten
190 × 560 cm
Altana Kulturstiftung, Bad Homburg

„Wald“, im Jahr 2013

Mit seinen vier gerahmten, großformatigen Zeichnungen, die nebeneinander gehängt werden, ist „Wald“ die größte zweidimensionale Arbeit, die Brigitte Waldach bisher geschaffen hat. Das Polyptychon beinhaltet diverse Elemente aus ihrem bisherigen Werk und wird damit zu einer ihrer bis dato wichtigsten Arbeiten. Das Material ist Papier und Bleistift. Das Motiv – gezeichnet mit Worten – sind Baumkronen und vereinzelte Stämme, die zusammengenommen die Silhouette einer Waldlandschaft ergeben. Der Himmel ist in dichtem Grauschwarz schraffiert und bildet eine düstere Fläche, der Wald dagegen ist licht und hell, fast transparent. Die Konturen sind präzise, fast ausgefräst und wirken in der Aufsicht wie eine Landkarte aus zerklüfteten Inseln in schwerer See. Das Laubwerk der fragilen Bäume entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine feine Komposition aus Wörtern und Satzfragmenten, die Waldach nach der Lektüre ausgewählter Texte, frei assoziierend, in stundenlangen Sitzungen aufs Papier bringt.
Textquellen sind die Gedichte von Heiner Müller, die philosophischen Schriften von Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche und Slavoj Zizek, die Erzählungen von David Foster Wallace und die sezierenden Berichte von Ferdinand von Schirach. Die oftmals veränderten Texte werden zu Bildmotiven und somit in den Bildraum integriert. Die Adaptionen versteht Waldach als konzeptionelle Überlegungen, bei denen die verschiedenen Charaktere einer Handlung zu einer Person verschmelzen und männliche zu weiblichen Protagonisten und weibliche Hauptfiguren zu männlichen werden können. Schrift ist jetzt keine inhaltliche Information mehr, sondern wird selbst zur darstellerischen Form. Interessant dabei ist, dass die verschiedenen literarischen Gattungen auch des Zeichnungskomplexes Lyrik als strengere, in Zeilen umbrochene Textform verwendet, während sich rechts Prosa zu längeren, fließenden Sätzen aneinanderreiht und teilweise in Schichten überlagert. Bemerkenswert ist außerdem, dass auch der Wald mit dem Übergang zu einer anderen literarischen Form seine Form verändert. Die scharf umrissenen Konturen und spitzen Baumwipfel flachen plötzlich ab und zerfließen zu einer langgezogenen Welle, aus der die oberen Blätter wie Gischt herausspritzen.

Für Waldach ist der Wald ein Freiraum, in dem die Natur zum Mythos wird. Sie besetzt diesen Raum mit vielfältigen Möglichkeiten, eingeschrieben mit einzelnen Worten, zusammengesetzten Zitaten und kulturell tradierten Zeichen.
Im Gegensatz zu ihren älteren Arbeiten sind in diesem „Wald“ keine Personen mehr vorhanden. Waldachs sonst gescheiterter Versuch, die Figur als gezeichnetes Motiv „loszuwerden“ – wie sie es selbst einmal formulierte – ist hier umgesetzt. In einem eruptiven Textausstoß wird der Betrachter, ja der Leser, auf einer anderen Ebene intensiv mit den (Sprach-)Spuren menschlicher Existenz konfrontiert.

Neue Bilder steigen durch die Rezeption von Kurzgeschichten beispielsweise des amerikanischen Autors David Foster Wallace auf. Bei ihm lauert im Wald das Böse, hier werden Frauen von Psychopathen bedroht und dieses Ereignis in Form eines fiktiven Männergespräches darüber dem Leser angeboten), wer sich (un)freiwillig in den Wald begibt, wandelt am sicheren Abgrund. Waldach untersucht den Wald aber auch als Ort von Schuld, wie sie der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach beschreibt, im Wald wird durch das unauslöschliche Gewissen eine kurze Dauer zu einer unendlichen Zeit, im Wald bewegt sich die Welt langsamer.
Etwas weniger bedrohlich wirkt der Wald, wenn Waldach ihn zur Kathedrale erhebt und zum Kulturspeicher historischer Phänomene und vielfältiger Erinnerungen macht. Ihre überdimensionale Zeichnung ist dazu mit verschiedenen Symbolen des kultischen und kulturellen Bewusstseins versehen: Urkreuz, Pentagramm, Davidstern, Bohrsche Atommodell und deutscher Wappenadler. Diese Zeichen hat man auch schon in ihren anderen Papierarbeiten und vor allem in den begehbaren Raumzeichnungen gesehen.
Durch die undurchdringliche schwarzgraue Fläche des Himmels erhält das Bild einen besonderen Positiv-Negativ-Effekt, vergleichbar mit einem fotografischen Negativ. Die Bleistiftschraffur im oberen Bildteil schluckt jedes Licht und evoziert einen unendlichen (Welt-)Raum in sternenklarer Nacht. Darunter tritt die weiße Textur eines Traumwaldes hervor, der sich langsam auflöst. Der sonst so offene Himmel liegt dunkel und tonnenschwer auf dem gleißend hellen Wald, aus dem alle Bedrohungen und Ängste verschwunden scheinen. Referenzen an die Romantik werden heraufbeschworen.

Uta Grosenick